1975 - 2015 - 40 Jahre Freier Deutscher Autorenverband Landesverband Nord e.V.
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*** Das Geschichtenfenster ***

 

Hier könnte deine Geschichte stehen!

Insbesondere in Zeiten wo das Lesen - auch online - erheblich an Bedeutung gewinnt, wollen wir Literaturschaffenden unseren Lesern, einen "Blick durchs Fenster", quasi "auf unseren Schreibtisch" ermöglichen.

Die Mitgliederversammlung der Frühjahrstagung 2021 hat deshalb beschlossen, 

der Öffentlichkeit Werke aus dem eigenen Schaffen vorzustellen.

 

An dieser Stelle öffnen wir nun also die Vorhänge für Sie, liebe Leserinnen und Leser und lassen sie gern an unserem Schaffensprozess teilhaben.

 

Über die Teilnahmebedingungen werden wir unsere Mitglieder im nächsten Rundbrief informieren. 

Die Urheberrechte der Autorin bzw. des Autors am nachstehenden Text, werden von dieser Veröffentlichung nicht berührt. 

Elli Nohr

 

Verloren in der Zeit

 

Der Flur ist endlos. Überall gehen Türen ab, feste, stabile Holztüren; die meisten sind
geschlossen. Aber da vorne, da ist eine Glastür. Da muss es doch nach draußen gehen?
Irgendwo geht es nach draußen, ich bin mir ganz sicher. Ich muss nur probieren, den
richtigen Knopf finden. Ist denn niemand da, der mir sagen kann, wie ich hier raus komme?
Ich muss doch nach Hause! Wo bin ich hier eigentlich? Ich bin sicher, ich habe diesen Flur
schon mal gesehen. Ah, hier an der Glastür kann ich wenigstens mal raus schauen. Ja, dort
ist eine Straße, es fährt sogar ein Auto darauf. Also kann man hier weg. Warum geht bloß
die Tür nicht auf? Ob der Junge schon zu Hause ist und wartet? Der hat bestimmt Hunger,
der Junge, er war doch so lange in der Schule. Und dann kommt er heim und ich bin nicht
da. Außerdem will ich danach zu meinen Eltern. Die warten bestimmt auch schon auf mich.

 

Hallo, Sie, ja Sie, wie komme ich denn hier raus? Das kann ich nicht verstehen, die hat nur
gebrabbelt. Aber da kommt ja noch jemand. -  Hallo, können Sie mir sagen, wie ich nach
Hause komme? Wohin soll ich? Zum Mittagessen? Hören Sie, ich will nicht essen, ich bin
schon viel zu lange hier, ich muss nach Hause und für meinen Jungen Mittagessen machen.
Und danach will ich selbst zum Mittagessen zu meinen Eltern. Meine Eltern wohnen da
drüben, sehen Sie das Häuschen am Waldrand? Ach, da ist kein Häuschen? -  Na ja,
vielleicht sieht man es von hier aus nicht. Ich kann nämlich nicht mehr so gut sehen, wissen
Sie. Wenn man älter wird, kann man nicht mehr so gut sehen. Aber meine Mutter wird sich
schon Sorgen machen, wo ich bleibe. Können Sie nicht mal dort anrufen? Nur Bescheid
sagen, dass ich später komme. Und sagen Sie, dass ich den Jungen dann mitbringe. -  Ja,
gut, wenn es hier Bratheringe gibt, bleibe ich hier. Die esse ich für mein Leben gern!
Übrigens, hat sich mein Mann mal gemeldet? Hans Schulz, den kennen Sie sicher. Ach nein,
das geht ja nicht, ich habe ja meinen Mann im Krieg verloren. Mit dem habe ich einen Sohn.
Dann habe ich noch mal geheiratet, Hans Schulz, den kennen Sie sicher. Mit dem habe ich
meine Tochter, Marion. Und dann habe ich noch den kleinen Jungen. Der wartet jetzt
bestimmt auf mich. Kann ich jetzt nicht nach Hause gehen? Zeigen Sie mir doch mal, wie ich
hier raus komme. Ich mache mir auch Sorgen, weil ich nicht weiß, ob ich meine Wohnung
abgeschlossen habe. -  Ach, das hat Marion gemacht? Da bin ich aber froh. Weiß Marion
denn, dass ich hier bin? Ja, - na, Gott sei Dank! Dann kommt Marion bestimmt auch, um
mich abzuholen. Eigentlich müsste sie längst hier sein, die Schule ist doch schon aus.

 

Ich glaube, ich habe doch nicht die richtige Tür erwischt. Wenn ich bloß wüsste, wie die
aufgeht. Meine Wohnung ist ja gleich gegenüber. Das geht doch nicht, dass die einen hier
festhalten. Was hab’ ich denn bloß verbrochen, dass ich hier festgehalten werde? So was
hab’ ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt – und ich bin über 90!! Ich hab’ einiges
im Leben erlebt und ich habe beide Männer überlebt. Und dann werden mir hier so
merkwürdige Dinge erzählt. Ich hätte nur einen Sohn und eine Tochter. Dabei habe ich doch
noch den kleinen Jungen. Nein, der ist nicht mein Enkel, den habe ich geboren, vor ein paar
Jahren. Wann genau fällt mir gerade nicht ein, aber das ist auch nicht wichtig. In meinem
Alter darf man schon mal was vergessen. Aber der Junge kommt jetzt aus der Schule und
hat Hunger. Ich muss ihm dringend Mittagessen machen. Und nun kann ich die richtige Tür
nicht finden.

                                                    

Ah, hier ist eine Tür offen. Moment mal, das dort ist doch mein Sofa! Und der Stuhl

gehört auch dazu. Ja, hier sind meine Sachen, aber das kann doch nicht sein!

Das ist nicht meine Wohnung. Wie kommen denn meine Sachen hierher? Ich bin doch erst
heute Morgen gekommen! Und jetzt hab’ ich genug - ich will ich nach Hause. Meine Eltern
warten und machen sich Sorgen. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen. Und der Junge
ist da und kann nicht herein. Hoffentlich weint er nicht schon! So ein kleiner Kerl muss doch
zu seiner Mutter können..... Hier müsste Hans mal ein Machtwort sprechen. Das können die
doch nicht mit mir machen! Wo ist Hans überhaupt?? Den habe ich auch schon lange nicht
mehr gesehen.....

 

Mein Fahrrad habe ich heute früh draußen vor der Kellertür abgestellt. Aber ich kann es gar
nicht sehen.....? Können Sie nicht mal schauen, ob mein Fahrrad noch da ist?

Damit wäre ich in ein paar Minuten zu Hause. Dann komme ich auch morgen ganz bestimmt
wieder. Ach, ich muss warten, bis Marion kommt..... Weiß sie denn, dass ich hier bin? Wieso
kommt sie erst am Abend, die Schule ist doch schon aus! Wie, sie ist auf der Arbeit..... Nein,
so alt ist die doch noch gar nicht. Aber es kann schon sein, dass sie manchmal arbeiten
geht. Das macht ihr nämlich Spaß, der Marion. Können Sie nicht mal anrufen und fragen,
wann sie kommt? Ich habe nämlich zu Hause noch viel zu tun. Und der Junge wartet ja auch
auf mich. Vielleicht kann ich ihr ja schon entgegen gehen?  Ach, da habe ich eine Tür
gehört. Das ist bestimmt Marion und sehen Sie nur, da läuft jemand.... Marion! Marion!! –
Marion?

 

 

Dorit Berger alias Elli Nohr Foto: Detlef Welker

Elli Nohr

 

Dorit Berger (alias Elli Nohr) ist gelernte Buchhändlerin, hat viele Jahre als Kunsthandwerkerin gearbeitet, wurde
dann Demenzbegleiterin 
und arbeitet als solche heute
noch.


Sie schreibt seit ihrer Schulzeit und hat mehrere Preise
bei Schreibwettbewerben gewonnen.
Sie war Mitbegründerin und langjähriges Redaktionsmitglied einer internationalen Fachzeitschrift,
für die sie auch zahlreiche Artikel zu
kulturgeschichtlichen Themen schrieb.
Schreibt ansonsten Prosa und hin und wieder Lyrik.

Seit 2013 Mitglied im FDA Nord e.V., seit 2015 dessen 1. Vorsitzende.