1975 - 2015 - 40 Jahre Freier Deutscher Autorenverband Landesverband Nord e.V.
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*** Das Geschichtenfenster ***

 

Hier könnte deine Geschichte stehen!

Insbesondere in Zeiten wo das Lesen - auch online - erheblich an Bedeutung gewinnt, wollen wir Literaturschaffenden unseren Lesern, einen "Blick durchs Fenster", quasi "auf unseren Schreibtisch" ermöglichen.

Die Mitgliederversammlung der Frühjahrstagung 2021 hat deshalb beschlossen, 

der Öffentlichkeit Werke aus dem eigenen Schaffen vorzustellen.

 

An dieser Stelle öffnen wir nun also die Vorhänge für Sie, liebe Leserinnen und Leser und lassen sie gern an unserem Schaffensprozess teilhaben.

 

Die Urheberrechte der Autorin bzw. des Autors am nachstehenden Text, werden von dieser Veröffentlichung nicht berührt. 

 

©Hildegard Schaefer

 

 

Kinderaugen

 

Die warme, weiche Kinderhand liegt vertrauensvoll in meiner rechten Erwachsenenhand. Mit der linken ergreife ich die Spiegelscherbe auf dem Küchentisch, die ich heute Morgen auf der Straße gefunden hatte. Ich schließe die Verandatür hinter mir. „Mama, gehen wir in den Garten zu den Erbsen?“ fragt mich mein Sohn erwartungsfroh. „Nein, wir gehen heute weiter, ganz weit, in den hintersten Winkel des Gartens, dort, wo der Stacheldraht ist“, erwidere ich leicht abwesend und drehe die Spiegelscherbe nervös zwischen den Fingern. Ein scharfer Schmerz ist die Antwort und ich schaue erschrocken auf die Blutstropfen, die auf die Erde fallen. Hatte ich die Scherbe damals, als ich ein Kind war, auch so gedreht? Ich erinnere mich nicht mehr daran. Wir haben mein Ziel endlich erreicht. Ich betrachte den Stacheldraht, der um die große Staude gebunden ist.

„Du weißt, dass diese Pflanze giftig ist, sehr giftig sogar“, hatte mein Mann damals gesagt. „Ich verstehe nicht, dass du sie unbedingt im Garten haben willst, wir haben doch jetzt das Baby.“ Ich setzte mich gegen ihn durch, es war schwer genug, diese Staude überhaupt zu bekommen. Sie wuchs schnell in die Höhe und breite, sattgrüne Federfinger griffen in die Luft. Mein Mann betrachtete sie mit misstrauischen Augen. Als unser Sohn zu krabbeln begann, wickelte er sie in Stacheldraht ein.

Ich wickele sie jetzt vorsichtig aus, und das Kind sieht mir mit großen Augen dabei zu. „Du blutest ja Mama, was hast du da in der Hand?“, fragt er neugierig. „Das ist ein Stück von einem großen Zauberspiegel“, flüstere ich geheimnisvoll, „willst du ihn haben? Wer weiß, was man alles durch ihn sehen kann. Aber sei vorsichtig, nicht dass du dich auch noch schneidest.“

Ich setze mich auf die alte Holzbank und beobachte mein Kind. Es nimmt die Scherbe behutsam in die Hand und schaut hinein: „Mein halbes Gesicht sehe ich, Mama, sonst nichts.“ Ich lehne ich mich entspannt zurück. „Vielleicht siehst du ja Zauberkäfer, wenn du sie in die Pflanze hältst.“ Meine Stimme wird heiser und ich fühle, wie mich die Erinnerung überrollt.

Als ich Kind war, hatten meine Eltern mich öfters zu Frau Muschke gebracht, sie hatte ein Haus mit einem großen Garten in der Straße, wo meine Eltern und ich wohnten. Meistens brachte mich meine Mutter zu ihr, wenn sie Besorgungen zu machen hatte. Frau Muschke kam auf mein Rufen hin in den Garten gelaufen. “Ist das dein Blut, hast du dich an der Scherbe geschnitten?“ fragte sie mich und betrachtete meine Hand. „Wir müssen die Wunde gleich auswaschen, geimpft bist du ja.“ „Schauen sie schnell in den Spiegel, sehen sie die auch?“ und ich hielt ihn in die Staude.

„Das sind Käfer“, entgegnete sie mir, „ich kann dir aber nicht sagen, wie sie heißen.“

„Nein“, belehrte ich sie altklug. „Das sind Elfen. Diese hier haben kleine blaue Helmchen auf ihren goldenen Haaren. Elfen wohnen in den Blumen, das weiß ich aus den Büchern, haben Sie denn noch nie Elfen gesehen?“ Ich sah, wie sie überrascht den Kopf schüttelte.

„Nein, noch nie, wie sehen sie denn aus?“ „Also, sie haben ein zartes Gesichtchen und so einen blauen, gebogenen Hut, der bis über ihre Ohren reicht. Das Haar ist blond und das Kleidchen ist grün, vielleicht können sie sie deshalb nicht sehen. Und dann flüstern sie etwas, aber das kann ich nicht so ganz verstehen, weil immer diese blöden Autos vorbeifahren“.

Frau Muschke schaute andächtig auf die Scherbe, nahm sie auf und hielt sie in die Staude hinein. „Das sind nur kleine Tiere“, meinte sie sinnend und ging ins Haus, weil es läutete. Meine Mutter holte mich ab und ich wollte ihr noch rasch die Elfen zeigen. Als sie die Pflanze sah, schrie sie erschreckt auf: „Blauer Eisenhut, diese Pflanze ist furchtbar giftig. Ich kann meine Tochter nicht mehr herbringen, wenn die Pflanze im Garten bleibt, am besten, sie hauen sie gleich um. So ein bodenloser Leichtsinn“, schüttelte sie den Kopf. Wir gingen dann nach Haus und ich weinte, bis mein Vater kam. „Die Elfen dürfen nicht sterben“, schluchzte ich. Er hatte Erbarmen mit mir und wir gingen alle zusammen zu Frau Muschke, um ihr einen Kompromiss anzubieten.

Wir kamen zu spät. Sie führte uns tonlos in den Garten und zeigte auf das Pflanzengemetzel. Sie hatte kurzen Prozess gemacht und die Staude zerstückelt. Die alte Frau schaute mich mit großen Augen an: „Hast du so eine Blume schon mal gesehen, wenn sie blüht?“ wollte sie wissen. Weinend schüttelte ich meinen Kopf. „Woher weißt du dann, dass die Blüten aussehen wie ein blauer Helm?“ Meine Eltern gingen voraus und Frau Muschke beugte sie sich zu mir und wisperte gequält: „Sie haben geschrien, die Elfen, ich habe sie gehört.“

Mein Sohn schaut jetzt fasziniert in die Spiegelscherbe, hält sie wieder in den blühenden Eisenhut. „Mama, komm schnell, ich sehe da was, was ist das?“ Ich springe rasch auf und schaue in die Scherbe. Nichts, ich sehe nichts, ich sehe nur grünes Nichts. Vielleicht krabbelt dort ein kleiner Käfer oder eine Laus, ich kann es nicht erkennen. Vielleicht sind meine Augen schon zu alt.

Heute Abend werde ich ihm Geschichten über Elfen vorlesen.

Hildegard Schaefer. Bild: privat

 

 

 

 

 

 

Die Buchholzer Autorin

Hildegrad Schaefer, aktives, langjähriges Mitglied des FDA.